Buchtipp: Die Uhr der Versöhnung

Die Aktion zog ihre Kreise, auch in unserer Gemeinde. Für die Restaurierung der Turmuhr der 1985 gesprengten Versöhnungskirche übernahm Küsterin Astrid Wekel eine „Minutenpatenschaft“. Um ihre Instandsetzung leisten zu können, initiierte die Ev. Versöhnungsgemeinde (Berlin-Gesundbrunnen) eine ungewöhnliche Spendenkampagne: „Gönn‘ dir eine Minute für die Uhr der Versöhnung“. Berliner:innen waren aufgerufen, sich eine Minute des Tages zu wählen, mit der sie eine besondere Erinnerung verbinden. So kam es, dass die Gemeinde nicht nur genug Spenden erhielt, um dem stillgelegten Uhrwerk wieder Leben einzuhauchen, es folgten zahlreiche bewegte und bewegende Momente, „Minutengeschichten“, Aufzeichnungen aus der Zeit der Teilung Berlins. Ein Buch fügt sie nun zusammen. Astrid Wekel hat den Zeitpunkt 9.30 Uhr – und eine Erzählung – beigesteuert. Sie erinnert damit an ihren Vater.

1985 wurde die Versöhnungskirche gesprengt. Die Uhr konnte erhalten werden, sie war zuvor ausgebaut und in der Sophienkirche eingelagert worden. Foto: Landesarchiv Berlin/Wichern-Verlag

Der Mauerbau am 13. August 1961 hielt die Zeit an im Turm der Berliner Versöhnungskirche. Das Gebäude an der Bernauer Straße befand sich direkt im Todesstreifen, verlor damit seine Funktion und die Bedeutung als verbindlicher Bezugspunkt für die Gemeinde in schweren Zeiten. Der Besuch der Kirche und des angrenzenden Friedhofs war schon vor der Teilung schwierig gewesen, insbesondere für die Gemeindeglieder der West-Seite, und nur über Schleichwege möglich. Die Grenzschließung machte Wege zu Sackgassen und kappte die Zugehörigkeit zur Gemeinde. Die Spendenaktion machte deutlich, wie viele Schicksale sich mit dem Ereignis und der Schließung – später der Sprengung – der Kirche verbanden. Die Aktion rettete so gesehen in mehrerer Hinsicht Zeit-Zeugnisse.

Einer der ersten Spender war der Autor Jörg Hildebrandt, lange auf der Ost-Seite der Bernauer Straße beheimatet. Er elebte die Grenzschließung als junger Mann, 22-jährig: „Ich bin am Morgen des 13. August früh raus, um mir drüben am West-Kiosk des französischen Sektors meinen Sonntags-Tagesspiegel zu holen. Da stehe ich an der Ecke Strelitzer/Bernauer Straße und sehe es: Stacheldraht, kniehoch ausgerollt auf der Ost-Berliner-Seite.“

„Der Stacheldraht sonntagfrüh – vom Osten eine der üblichen Schikanen.“

Jörg Hildebrandt, wohnte in der Bernauer Straße

Hildebrandt hat sich den Zeitpunkt „fünf vor Zwölf“ gewählt, sowie die übrigen vier Minuten bis zur vollen Stunde, für seine verstorbene Frau und die drei Kinder. „Die Uhr stand still“, notiert er, „aber nicht die Zeit. Zeit geht unaufhaltsam weiter und schafft Raum den Zuversichtlichen.“

Am 28. August 2019 wurde die erneuerte Uhr in Gang gesetzt. In einen Kirchenraum zurückgekehrt ist sie nicht, sondern steht heute im Haus des Ev. Werks für Diakonie und Entwicklung/Brot für die Welt am Nordbahnhof. Der Zugang ist kostenlos, besichtigt werden kann die Uhr montags bis freitags von 9 bis 16.30 Uhr.

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