
Alexander Freier-Winterwerb ist seit 2023 Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses. Als Abgeordneter und Kandidat für Baumschulenweg, Plänterwald und Alt-Treptow vertritt er seine Fraktion im Ausschuss für Bildung, Jugend und Familie sowie im Hauptausschuss, in dem er auch für Kulturhaushalt zuständig ist. Seit vielen Jahren engagiert er sich für die Stärkung der Strukturen und Projekte in Treptow-Köpenick und ist der Gemeinde schon lange verbunden.
1. Welche Bedeutung hat Kirche aus Ihrer Sicht in dieser bewegten Zeit?
Als Abgeordneter und Sprecher für Kinder, Jugend und Familie meiner Fraktion kenne ich die Herausforderungen vieler Menschen. Wir reden oft über die großen Krisen und Konflikte, die auch am Leben vieler Berlinerinnen und Berliner nicht spurlos vorbeigegangen sind, etwa wenn wir auf die Bezahlbarkeit im Alltag schauen. Viele Menschen haben das Gefühl, nicht gesehen zu werden. Die Verbreitung sozialer Medien hat bei Jugendlichen ein Problem in den Vordergrund gerückt, das viele vorrangig bei älteren Menschen vermutet hatten: die Einsamkeit. Zusammen mit den bestehenden Vereinzelungstendenzen stellt sie eine ernstzunehmende Herausforderung dar. In einer Welt, die mehr und mehr auseinanderdriftet und in der viele Menschen nach einem Platz in der Gesellschaft suchen, bietet Kirche einen Raum zum Zusammenkommen. Für mich persönlich sind Kirchen dabei mehr als Gottesdienste und Trauungen. Sie sind Orte der Gemeinschaft, Inspiration und Spiritualität. Genauso wie sich der Blick vieler Menschen auf Glaubensfragen verändert, befindet sich auch die Kirche im Wandel. Es liegt an uns allen, diesen Wandel zu gestalten.
Die caritativen Projekte der Kirchen, die vielfältigen Angebote der kirchlichen Jugendarbeit und Kirchenkreise: Diese Beispiele zeigen uns, warum es heute umso wichtiger ist für Kirchen als Säule gesellschaftlicher Resilienz einzutreten.
Und so ist es auch Aufgabe von Politik, die Verantwortung von Kirchen für ein gutes Zusammenleben anzuerkennen und den Wandel zu begleiten. Ich freue mich, mit der Sicherstellung der Mittel für die Sanierung der Bekenntniskirche meinen Teil dazu beigetragen zu haben.
2. Herr Freier-Winterwerb, sie sprechen es an: Wie hat diese Geschichte der Sanierung für Sie eigentlich angefangen?
Ich erinnere mich noch sehr genau an das erste Gespräch mit dem Gemeindekirchenrat und mit Ralf Musold. Damals ging es eigentlich um etwas sehr Konkretes und im Vergleich zu heute fast Kleines: Das Dach musste dringend gemacht werden. Es fehlten einige hunderttausend Euro. Ich hatte Peter Groß, den Vorsitzenden der SPD-Fraktion in der BVV, mitgenommen, und irgendwann in diesem Gespräch kam mir der Gedanke: Wenn wir jetzt schon anfangen, dann sollten wir es richtig machen. Nicht nur irgendwie reparieren. Nicht nur das nächste Loch stopfen. Sondern diese Stadtkirche so sanieren, dass sie für die nächsten Jahrzehnte wirklich gesichert ist.
Das war damals ein ziemlich großer Gedanke. Vielleicht sogar ein bisschen verrückt. Aber genau daraus ist am Ende dieses Projekt entstanden.
3. War Ihnen damals klar, dass daraus ein Millionenprojekt werden würde?
Nein, überhaupt nicht. Aber mir war sehr schnell klar, dass die Gemeinde eine solche Aufgabe niemals allein stemmen kann. Und deshalb musste die Frage sein: Wie schaffen wir es, dass Bund und Land Verantwortung übernehmen?
Dann begann eine lange politische Arbeit. Viele Gespräche, viele Termine, viel Überzeugungsarbeit. Am Ende standen bis zu zwei Millionen Euro Bundesmittel aus dem Fördertopf KulturInvest. Das war ein riesiger Schritt.
Aber gleichzeitig wusste ich: Damit ist der Gemeinde noch nicht geholfen. Denn die zweite Hälfte hätte sie trotzdem niemals allein tragen können. Also ging die Arbeit weiter.
Und am Ende kamen noch einmal bis zu zwei Millionen Euro aus Berliner Landesmitteln dazu. Das war der Moment, an dem aus einer eigentlich kaum finanzierbaren Idee ein reales Projekt wurde.
4. Dann war die Finanzierung gesichert. War damit das Schwerste geschafft?
Nein. Und das ist vielleicht sogar die wichtigste Botschaft dieser ganzen Geschichte. Mit einem Beschluss in zwei Parlamenten ist noch keine Kirche saniert. Eigentlich beginnt danach erst die wirklich harte Arbeit. Dann sitzen Verwaltungen zusammen. Dann geht es um Förderbedingungen, Zuständigkeiten, einzelne Bauteile, Kosten, Planungen, Genehmigungen und manchmal um Fragen, bei denen man sich von außen kaum vorstellen kann, wie kompliziert sie werden können. Allein bis der Zuwendungsbescheid da war, hat es ungefähr drei Jahre gedauert.
Drei Jahre, in denen man immer wieder hätte sagen können: Das dauert zu lange. Das ist zu kompliziert. Vielleicht geht es doch nicht. Aber genau das ist nicht passiert. Alle sind drangeblieben. Und das ist für mich ein ganz wesentlicher Teil dieser Geschichte.
5. Wer hat aus Ihrer Sicht den größten Anteil daran, dass wir heute hier stehen?
Ganz klar die Kirchengemeinde. Politik kann Geld organisieren. Politik kann Türen öffnen. Politik kann Entscheidungen möglich machen. Aber aus einem Förderbeschluss am Ende eine fertige Kirche zu machen, ist eine ganz andere Leistung. Was Ralf Musold, der Gemeindekirchenrat und all die Menschen in der Gemeinde über Jahre geleistet haben, kann man gar nicht hoch genug einschätzen. Sie mussten planen, organisieren, nachrechnen, Ausschreibungen begleiten, Entscheidungen treffen, Rückschläge aushalten und immer wieder neue Probleme lösen. Und das alles neben dem normalen Leben einer Kirchengemeinde. Das ist eine enorme Leistung.
Deshalb finde ich auch wichtig zu sagen: Heute wird nicht einfach nur ein Gebäude wieder eingeweiht. Heute wird auch gefeiert, dass Menschen jahrelang nicht aufgegeben haben.
6. Warum war Ihnen die Stadtkirche persönlich so wichtig?
Weil diese Kirche viel mehr ist als ein Gebäude. Sie gehört zu Köpenick. Sie prägt die Altstadt. Menschen kennen sie seit ihrer Kindheit. Hier wird gebetet, hier wird Musik gemacht, hier wird geheiratet, getrauert, gefeiert und Gemeinschaft erlebt. Hier findet Leben statt.
Solche Orte kann man nicht einfach ersetzen. Wenn so ein Gebäude verloren geht, verliert eine Stadt auch ein Stück ihrer Erinnerung und ihrer Identität.
Und genau deshalb war mir wichtig, nicht nur irgendwie die nächste Reparatur zu finanzieren. Ich wollte, dass wir sagen können: Wir sichern diesen Ort. Nicht für zwei oder drei Jahre, sondern für die nächsten Generationen. Und wenn man heute hier drin steht, dann merkt man: Genau dafür hat sich die ganze Arbeit gelohnt.
7. Was bedeutet dieses Projekt für Sie politisch?
Für mich ist es eines der schönsten Beispiele dafür, was Politik im besten Fall leisten kann.
Es gibt ein Problem. Menschen kommen zusammen. Man entwickelt eine Idee. Dann beginnt die Arbeit. Bund, Land, Bezirk, Kirche und Zivilgesellschaft ziehen über Jahre an einem Strang. Und irgendwann steht man an dem Punkt, an dem aus etwas, das am Anfang fast unmöglich wirkte, Realität geworden ist. Das ist Politik, die für konkrete Verbesserungen vor Ort sorgt. Und genau solche Projekte zeigen auch, warum es sich lohnt, manchmal sehr lange für eine Sache zu kämpfen.
8. Was empfinden Sie, wenn Sie heute die fertige Stadtkirche sehen?
Das ist tatsächlich sehr emotional. Ich denke sofort an dieses erste Gespräch zurück. Damals saßen wir zusammen und haben darüber gesprochen, wie man irgendwie ein kaputtes Dach finanzieren kann. Und heute stehen wir hier in einer grundlegend sanierten Stadtkirche.
Wenn man sich diesen Weg noch einmal vor Augen führt – die Gespräche, die Beschlüsse, die Jahre der Abstimmungen, die Baustelle, all die Arbeit der Gemeinde – dann ist das schon etwas ganz Besonderes. Natürlich macht mich das auch stolz. Aber noch stärker ist bei mir das Gefühl von Dankbarkeit. Dankbarkeit dafür, dass so viele Menschen nicht aufgegeben haben. Dankbarkeit dafür, dass Politik und Kirche hier wirklich gemeinsam etwas Großes geschafft haben. Und Dankbarkeit dafür, dass dieser Ort jetzt weiterlebt.
Vielleicht ist das das Schönste an diesem Projekt: Wir haben nicht nur eine Kirche saniert. Wir haben etwas bewahrt, das weit über unsere eigene Zeit hinaus Bestand haben wird.
Das ist eine große Leistung. Und darauf darf die ganze Gemeinde wirklich stolz sein.






